Die Macht der Zahlen und Bilder

Sie sind allgegenwärtig: Die Bilder der meist in giftigen Farben daherkommenden Stachelkugel, die des „neuartigen Corona-Virus“ symbolisieren soll, und die Zahlen, die scheinbar dessen tödliche Infektiösität beweisen.

CDC / Alissa Eckert, MS; Dan Higgins, MAMS

Im digitalen Zeitalter haben Bilder eine historisch einmalige Macht. Wir verarbeiten sie automatisch und emotional, weniger kritisch als Worte, weil sie authentisch und repräsentativ erscheinen. Bilder prägen unsere Erinnerung und unsere Vorstellung von der Welt, sie beeinflussen Entscheidungen der Politik, und die Medien sind auf sie angewiesen.

Deshalb muss man in Zeiten der Pandemie aus dem Blickwinkel der kritischen Bildwissenschaft fragen: Wie repräsentieren wir eigentlich Gefahren und was machen die Bilder mit uns? In der Ikonografie von Corona kann man eine Evolution beobachten: Je näher die Pandemie an uns heranrückte, desto mehr gelangten die Bilder auch inhaltlich in unsere Lebenswelt und hatten Einfluss auf unser Verhalten. Das lässt sich in vier Phasen beschreiben.

Am Anfang war Corona zunächst einmal bilderlos und die Darstellungen inhaltlich weit von uns entfernt: fremdartig, medizinisch und abstrakt. Viele Medien griffen auf das bekannte Modell der stacheligen Kugel zurück, die stark an eine nelkengespickte Orange erinnert.

Diese Grafik entwarf Alissa Eckert für die US-amerikanische Seuchenschutzbehörde bereits im Januar. Die Illustratorin sollte eine „Identität“ für das Virus erschaffen, um die „Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit“ zu wecken.

Für ihren sogenannten „Beauty Shot“, die detaillierte Nahaufnahme des Virus, wählte sie lange, rote Stacheln mit einem dramatischen Schattenwurf. Im Vergleich dazu wirken die Mikroskopbilder von Corona unspektakulär, sie erinnern eher an Ingwerknollen.

Inzwischen ist Eckerts Modell nicht mehr aus den Nachrichten wegzudenken. Ein Grund für den Erfolg: Dank unserem kulturellen Gedächtnis wirkt das Modell bereits für sich genommen bedrohlich; wir denken unweigerlich an Seeminen oder Seeigel. Eckert geht so auf ein altes Problem ein: Unsichtbarkeit ist immer eine kognitive Herausforderung.

Neben der Virus-Darstellung finden sich in der ersten Phase medial vor allem Bilder von medizinischen Tabellen, Schutzanzügen und Masken. Trotz der Konkretisierung blieben sie eigenartig fremd, wie das ikonische Bild eines Mannes aus Wuhan mit Gasmaske und rotem Schutzanzug, das gleichzeitig auf dem Cover des „Spiegel“ und dem „Focus“ erschien. Der Untertitel „Made In China“ passte allerdings zum aufkommenden antiasiatischen Rassismus.

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Den medialen und politischen Wendepunkt markierte der 19. März 2020, als im italienischen Bergamo Militär-Fahrzeuge im Konvoi unzählige Särge abtransportierten. In der Stadt gab es so viele Tote, dass das örtliche Krematorium überlastet war.

Diese Bilder blieben haften, denn sie machten das Leid der Pandemie schlagartig und schmerzhaft greifbar. Die Öffentlichkeit war emotional getroffen. Spätestens jetzt stand die „Stachelkugel“ für eine tödliche Bedrohung, die in Europa angekommen war. Seitdem breitete sich in vielen Ländern eine Ernsthaftigkeit aus, die von politischen Maßnahmen untermauert wurde.

https://www.welt.de/kultur/plus207880257/Bilder-einer-Pandemie-Ikonografie-der-Angst.html

Die Bilder wurden ergänzt von Zahlen: Insbesondere im März waren das schnell ansteigende Verläufe, die eine exponentiell ansteigende Verbreitung des Virus suggerierten – und allzu oft, auch von Seiten der Wissenschaft, genau so interpretiert wurden. Damit ließen sich dann für Länder wie Deutschland oder England jeweils Hunderttausende von Toten prognostizieren, wenn nichts unternommen würde, um „die Kurve abzuflachen („flatten the curve“).

Was in der Regel nicht dazugesagt wurde: Dass in der gleichen Zeit die Anzahl der Tests vervielfacht worden ist. Wer sucht, der findet – und trotzdem überschritt die Positivrate, also die Anzahl der positiv auf SARS-CoV-2 Getesteten in Relation zur Zahl der durchgeführten Tests, bei uns nie die 10-Prozent-Marke:

Tests und Positivrate, KW 10 bis 29

Seit drei Wochen liegen wir stabil bei 0,6 % (1). Und wenn die Fallzahlen jetzt möglicherweise wieder ansteigen sollten, dann muss man genau hinschauen, ob die Zahl der Tests ebenfalls gesteigert wurde – und deren Qualität aus Sparsamkeitsgründen (?) vielleicht sogar nachließ. Wer viel sucht, der findet viel: auf Coronaviren, die gerade in der Bevölkerung grassieren, trifft das ganz bestimmt zu. Und bei niedrigen Positivraten um 1% fallen auch falsch positive Tests ins Gewicht, selbst wenn diese nicht allzu häufig vorkommen sollten.

Vor etwa drei Wochen wurde die australische 5-Millionen-Stadt Melbourne in einen Lockdown geschickt. Anlass dafür war dieser Anstieg (2):

Australien: Anzahl der täglich positiv Getesteten

Sieht wirklich aus wie eine zweite Welle. Aber wie oft wurde getestet?

Australien und Deutschland: Anzahl der Tests pro tausend Einwohner

Offenbar sehr oft! Der Anstieg der Fallzahlen entspricht in etwa dem Anstieg der Tests. Das sieht man deutlich, wenn man beide in Relation zueinander setzt:

Australien und Deutschland: Positive Tests in Relation zur Gesamtzahl der Tests

Der Vergleich der Fälle relativ zu den Tests zeigt: Da ist nichts Dramatisches, Australien liegt auf einem Niveau mit Deutschland. Ob das einen Lockdown rechtfertigt? Jedenfalls stellt sich die Situation hier wesentlich weniger dramatisch dar als bei reiner Betrachtung der „Fälle“. Und auch hier gilt wieder: Nur ein Bruchteil ist wirklich krank…

Corina meint: Daran sollte man denken, wenn Professor Drosten demnächst die zweite Welle ausruft. Aber so lange müssen wir nicht warten, bei Karl Lauterbach ist es jetzt schon soweit…


(1) https://www.rki.de/DE/Content/InfAZ/N/Neuartiges_Coronavirus/Situationsberichte/2020-07-22-de.pdf?__blob=publicationFile

(2) https://ourworldindata.org/coronavirus

Epilog: So Far, So Good… So What!

Wer in der Überschrift den Albumtitel erkannt hat, der hat schon mal 80 von 100 möglichen Punkten. Die restlichen 20 Punkte bekommt, wer sich den Prozentsatz der leichten Verläufe bei einer Infektion mit SARS-CoV-2 gemerkt hat.

Aktuell sieht es so aus, als wären die ursprünglich mal angenommenen 80 bis 90 Prozent dafür noch zu niedrig. Auf einem bayerischen Spargelhof, der im Juni „wegen Corona“ dichtgemacht wurde, gab es unter 95 positiv getesteten Erntehelfern gar keine schweren Fälle; nur zwei hatten leichte Symptome, alle anderen waren gesund. Ähnlich dürfte das auch unter den Erntehelfern in bayerischen Mamming aussehen, die vor ein paar Tagen auf ihrem Gemüsehof eingesperrt wurden, weil 170 von ihnen positiv getestet worden waren. Und den Fall Tönnies hatten wir im DSDS-Kapitel: Die „medizinische Wissenschaft“ interessierte sich hier offenbar nur dafür, wie weit das Virus fliegt, aber nicht, ob es jemanden krank gemacht hat.

Und auf Basis dieser halbgaren Informationen verordnet die Politik nun weiterhin Abstandsregeln, Maskenpflicht – und damit ein de facto Berufsverbot für praktisch die gesamte Musik- und Unterhaltungsbranche. Das darf so nicht weitergehen.

Für eine objektive Einschätzung der Lage braucht es gesicherte Informationen über das Geschehen. Einfach nur positive Tests zu zählen und diese als “Infizierte” zu deklarieren genügt nicht; man muss wissen, wie viele tatsächlich erkranken und ob deren Prozentsatz im Laufe der Zeit schon abgenommen hat (Aufbau von “Herdenimmunität”). Das Mindeste, was man von Politik, Medien und vor allem von der Wissenschaft erwarten – und auch lautstark einfordern! – sollte, ist Transparenz in diesem alles Weitere entscheidenden Punkt.

Dabei geht es mir nicht um Schuldzuweisungen bezüglich Vergangenem. Wenn führende Epidemiologen Hunderttausende von Toten prognostizieren, sofern keine Maßnahmen ergriffen würden dies zu verhindern, dann kann man sich dem als Politiker kaum entziehen und muss entsprechend handeln. Was man aber auch machen muss: die Richtigkeit dieser Prognosen immer wieder hinterfragen und die daraus abgeleiteten Maßnahmen auf den Prüfstand stellen.

Aber stattdessen beklagen Profiteure der Angst wie Söder oder Lauterbach wieder steigende Fallzahlen, ohne diese in Bezug zu irgendwas zu setzen – weder in Bezug zu tatsächlich Erkrankten, über deren Zahl man nichts erfährt, noch in Bezug zur Zahl der Tests, die aktuell so hoch ist wie nie. In Wahrheit liegt die Relation positiv Getesteter zur Zahl der durchgeführten Tests Stand heute (31.07.2020) seit fünf Wochen deutlich unter 1 Prozent.

Auf den Prüfstand gehören auch Aussagen wie „Die Maske ist ein Zeichen der Solidarität“. Solidarität – gegenüber wem? Einem Gesundheitsminister und früherem Pharma-Lobbyisten (2), der seit März auf der Basis einer Notverordnung regiert, auch wenn die Not längst vorbei ist? Was bringt wohl mehr: Generalverdacht und Maskenpflicht für alle oder das Tragen von Masken genau dann, wenn man tatsächlich erkrankt ist und die Maske ein deutlich sichtbares Zeichen dafür?

Wenn sich Reisende in einem Zugabteil solidarisch darüber verständigen, dass es allen Anwesenden gut geht, und diese sich dann darauf einigen, die lästigen Masken für den Verlauf der Fahrt abzunehmen, sollte das niemanden stören – den Gesundheitsminister nicht und auch nicht das Zugpersonal. Rückkehr zur Normalität, ganz ohne Impfstoff! Die Gesellschaft wird sich überlegen müssen, ob diese Normalität auch in anderen Bereichen wieder herstellbar ist – oder ob sie ein vermeintlich virenfreies Leben höher gewichtet als beispielsweise Kultur und Konzerte.


(1) https://www.merkur.de/bayern/coronavirus-bayern-lockerungen-markus-soeder-infektion-maskenpflicht-faelle-news-zr-13792398.amp.html

(2) https://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/parteien/id_83295652/kuenftiger-minister-jens-spahn-verdiente-an-lobbyarbeit.html